20 Prozent der Schweizer:innen sind von Behinderungen oder altersbedingten Einschränkungen betroffen – für sie kommt nicht jedes Hotel in Frage. Daniel Beerli von HotellerieSuisse verrät, wie das Gastgewerbe für Barrierefreiheit sorgen kann.
Barrierefreie Hotels ermöglichen Menschen mit Einschränkungen einen selbstständigen und hindernisfreien Aufenthalt.
Häufige Hürden sind Stufen, enge Türen, fehlende Bewegungsflächen und mangelhafte Orientierung.
Neben Umbauten sind Schulung, klare Kommunikation und barrierefreie Webseiten zentral.
Barrierefreiheit steigert bei allen Gästen Zufriedenheit und Aufenthaltsdauer und wird zunehmend zum Standard.
Herr Beerli, was zeichnet ein barrierefreies Hotel aus?
Ein solcher Beherbergungsbetrieb ist so gestaltet, dass Menschen mit Einschränkungen ihn selbstständig und ohne Hindernisse nutzen können und diese Massnahmen klar erlebbar oder ersichtlich sind. Oft sind hier bereits kleine Massnahmen schon sehr zielführend.
Was sind denn die grössten Hürden für beeinträchtigte Personen in Hotels?
Zu den grössten Hürden zählen nach wie vor bauliche Hindernisse wie Stufen am Eingang, zu schmale Türen oder Bäder ohne bodengleiche Dusche. Oft fehlt ausreichend Bewegungsfläche in Zimmern, um sich mit Rollstuhl oder Gehhilfe frei zu bewegen. Für sehbehinderte Gäste sind unzureichende Beschilderung, fehlende Relief- oder Brailleschrift – beispielsweise im Lift – oder eine mangelnde kontrastreiche Gestaltung problematisch. Mobilitäts-, Seh- und Hörbarrieren betreffen vor allem die Infrastruktur und feste Abläufe in den Betrieben.
Welche baulichen Massnahmen helfen, mehr Barrierefreiheit in Hotels zu schaffen?
In der Praxis gibt es oft mehrere Wege, diese zu reduzieren – gerade in älteren Gebäuden oder in speziellen Lagen. Wenn sich beispielsweise der Haupteingang nicht barrierefrei gestalten lässt, kann ein Nebeneingang eine Lösung sein, sofern dieser entsprechend aufgewertet wird. Zu den baulichen Massnahmen zählen auch mobile Rampen für einzelne Stufen, abgesenkte Türschwellen, kontrastreiche Markierungen an Treppenkanten oder gut erreichbare Lichtschalter und Steckdosen. Auch unterfahrbare Tische, Haltegriffe an zentralen Stellen oder rutschfeste Bodenbeläge lassen sich oft unkompliziert nachrüsten.
Daniel Beerli
Der frühere Hoteldirektor führt und entwickelt bei HotellerieSuisse die Klassifikation von Beherbergungsbetrieben, die Gästen Orientierung gibt. Er vertritt den Branchenverband im Förderverein Barrierefreie Schweiz.
Angenehme Ferien trotzt Behinderung
Welche Massnahmen gibt es neben den baulichen sonst noch?
Neben den baulichen Massnahmen gibt es etwa den Lift mit Sprachausgabe und taktil-visuellen Knöpfen mit Kontrast und Reliefschrift, Rollstuhlparkplätze, die Kommunikation von Alternativen oder Checklisten für das Team für eine barrierefreie Gästebetreuung. Entscheidend ist, ein Gespür für Barrieren zu entwickeln und kreative, funktionale Lösungen für alle Gäste zu finden und diese entsprechend zu kommunizieren.
Auch bei der Webseite eines Betriebs spielt das Thema eine Rolle. Was ist hier wichtig?
Hier sind vor allem eine klare Struktur mit einfacher Navigation und gut lesbare, kontrastreiche Texte entscheidend. Wichtig ist zudem, dass Bilder mit Alternativtexten versehen sind und Buchungsformulare auch per Tastatur bedienbar bleiben. So wird die Seite für alle Gäste zugänglich. Videos mit gesprochener Tonspur sollten über vollständige, korrekte Untertitel verfügen. Die Webseite kann einem Screen-Reading-Test unterzogen werden, um den aktuellen Grad der Barrierefreiheit zu ermitteln. Die «WCAG Guidelines» zeigen den internationalen Standard für Web-Inhalte in der EU auf und beschreiben, welche Anforderungen gelten.
Oft sind bereits kleine Massnahmen schon sehr zielführend
Daniel Beerli
HotellerieSuisse
Hürden effektiv abbauen
Wie weit sind wir in der Schweiz – auch im Vergleich mit anderen Ländern?
Die Schweiz hat in den letzten Jahren spürbare Fortschritte gemacht – nicht zuletzt dank den Aktivitäten des Fördervereins Barrierefreie Schweiz und der Initiative OK:GO des Schweizer Tourismusverbands, die dem Thema in der Branche mehr Aufmerksamkeit einbrachten. Zudem hilft die SIA-Norm 500, die bei Neubauten und Umbauten in der Schweiz zur Anwendung kommt und hindernisfreie Architektur vorschreibt. Die Schweizer Fachstelle Hindernisfreie Architektur hat diese Normen für die Hotellerie «übersetzt» und dazu einen sehr guten Leitfaden publiziert.
Welche weiteren Hilfen gibt es für Hotels, die sich in diesem Bereich verbessern möchten?
HotellerieSuisse berät die Mitgliederbetriebe und arbeitet dabei mit Expert:innen wie der Stiftung «Zugang für alle» zusammen, die klare und niederschwellige Informationen vermittelt. Gemeinsam haben wir etwa das digitale «Nachhaltigkeitshotel» auf der Webseite von HotellerieSuisse ins Leben gerufen, das einen Überblick über Nachhaltigkeit in der Hotellerie bietet und dabei auch aufzeigt, an welchen Stellen Barrierefreiheit besonders entscheidend ist. Ebenso führen wir Webinare mit unterschiedlicher Tiefe durch.
Wenn mein Hotel barrierefrei ist, wie kommuniziere ich das am besten?
HotellerieSuisse hat zusammen mit Discover.Swiss, der Plattform für Digitalisierung im Tourismus, den AccommoDataHub lanciert. Das ist eine Plattform für die Datenpflege. Hier können die Betriebe unter anderem ihre Barrierefreiheit erfassen. Sie können ihre Daten rasch und einfach ergänzen oder anpassen. Touristische Leistungsträger, die Beherbergungsbetriebe online vermarkten, beziehen ihre Daten zukünftig aus dem AccommoDataHub – dadurch steigt die Sichtbarkeit der Beherbergungsbetriebe und ihrer Eigenschaften und Angebote deutlich.
Hindernisfreies Bauen
Sie planen Ihren Betrieb barrierfrei umzubauen und haben Fragen dazu? Die «Interessenvertretung für hindernisfreies Bauen» der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung berät und unterstützt Sie in Ihrem Vorhaben.
Barrierefreiheit wird zur Normalität
Glauben Sie, dass Barrierefreiheit bald Standard im Gastgewerbe sein wird?
Bei Neubauten sowie bei Renovationsprojekten spielt sie mittlerweile eine zentrale Rolle in der Schweiz und es wird automatisch darauf geachtet – nicht zuletzt, weil gesetzliche Vorgaben und Bauvorschriften dies verlangen. So gibt es glücklicherweise immer mehr Betriebe, die von Anfang an auf die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen ausgelegt sind. Schwieriger ist es bei bestehenden Betrieben, wo Umbauten oft hohe Investitionen erfordern. Deshalb erfolgen hier die Anpassungen meist schrittweise.
Was könnte helfen, bestehende Betriebe zu diesen Anpassungen zu animieren?
Neben dem sozialen Gedanken sollte man nicht vergessen, dass alle profitieren, wenn bauliche und betriebliche Hindernisse abgebaut werden: Auch mobile Menschen oder Familien mit Kinderwagen schätzen bessere Zugänglichkeit und mehr Bewegungsfreiheit. So führt Barrierefreiheit zu längerer Nutzung von Angeboten, höherer Zufriedenheit und längeren Aufenthalten in allen Gästegruppen. Langfristig ist zu erwarten, dass Barrierefreiheit immer stärker als Qualitätsmerkmal wahrgenommen wird und sich zunehmend als Standard etabliert.
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Alle profitieren, wenn bauliche und betriebliche Hindernisse abgebaut werden.
Daniel Beerli
HotellerieSuisse