Für Feinschmecker. Für Naturliebhaber. Für Sonnentanker. Für Marroni-Fans. Es gibt wohl keine bessere Zeit als den milden Herbst, um das Tessin zu erkunden. Und auf einmal erlebt man, dass Ascona noch ganz anderes zu bieten hat als eine südländische Seepromenade, charmante Strassencafés und Boutiquen.

Prall und glänzend lachen sie mich an. Schauen frech aus den Jutesäcken heraus. Ich kann den Blick kaum abwenden. Ihretwegen habe ich den weiten Weg aus der deutschen Schweiz auf mich genommen. Wegen der Kastanien. Wegen der heiss geliebten Marroni. Sie begegnen mir alle paar Meter. Kein Wunder – es ist Castagnata.

Castagnata

Das wohl bekannteste Tessiner Kastanienfest, die Castagnata in Ascona, ist in vollem Gange. An der Uferpromenade heizen die Tessiner Marronimänner («Maronatt») mächtig ein. Das Feuer lodert. Über 2000 Kastanien rösten über den Flammen. Aus den grossen Kesseln qualmt ein süsslichnussiger Geruch, dem sich keiner entziehen kann. Dazu gesellt sich die Tessiner Lebenslust: kleine Konzerte, tanzende Kinder und ein Glas Wein. Edle Tropfen, die in der Sonnenstube der Schweiz gereift sind. Ein Papiersäckchen voll von dieser feinen, gerösteten Frucht geniesse ich während meines Streifzugs am entzückenden Seeufer. Wer denkt, dass das schon alles ist, der täuscht sich. Marroni kann man auf unzählige andere Arten geniessen. An diesem urchigen Stand mit blau-weiss gestreiftem Stoffdach gibt es Kastanienpasta zu kaufen. Nur wenige Schritte weiter Kastanienbrot und Kastanienmarmelade. Auch Stände mit Kastaniensuppe oder Kastanienlikör und vielen weiteren Köstlichkeiten finden sich dicht aneinandergereiht. Und nicht zu vergessen die süssen Marrons glacés. Doch mit dem Naschen und Festen alleine gebe ich mich nicht zufrieden. Ich möchte wissen, woher die Kastanien kommen, möchte den Kastanienwald riechen, erleben.

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Tipp

Castagnata

Kastanienfest, Ascona. Samstag, 13. Oktober 2018, von 10 bis 17.30 Uhr

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Tipp

Ristorante al castagneto

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Kastanienland

«Den Malcantone bezeichnen wir auch als Kastanienland», erzählt mir Antonio. Ihn traf ich in Arosio am Ausgangspunkt des Kastanienweges, während ich mir die Schuhe schnürte. Er selbst kann sich keinen schöneren Ort vorstellen, um zu leben. Der Malcantone liegt oberhalb von Lugano. Er erstreckt sich vom Seegebiet am Luganersee über die dicht bewachsene Hügellandschaft bis ins Gebirge des Monte Lema. Das Besondere an ihm, so Antonio: «Wildromantische Natur.» Üppige Kastanienwälder mit Wildbächen, Wasserfällen und schmalen Bergstrassen prägen die Region. Über 300 Kilometer lange Wanderwege verbinden 26 malerische Tessiner Dörfer. Mittendrin – der authentische Kastanienweg.

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Tipp

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«Sentiero del Castagno»

Der Kastanien- und Erlebnisweg «Sentiero del Castagno» auf 750 bis 800 Metern Höhe lädt zu einer Themenwanderung rund um die Kastanie ein. Ich starte in Arosio. Aber nicht bevor ich mich auf der rustikalen Terrasse des Grotto Sagambada habe verwöhnen lassen. Gestärkt nehme ich die schönste Etappe des Kastanienweges in Angriff: von Arosio nach Iduna. Schon bald erreiche ich die Jahrhunderte alten Kastanienbäume. Darunter breiten sich die stacheligen Schalen der Kastanien aus. Gute Schuhe sind hier trotz den noch warmen Temperaturen ein Muss. Vier bis fünf Stunden – Zwischenhalte mit eingerechnet – dauert die Wanderung. Sie kann aber an mehreren Stellen abgekürzt werden. Ich kombiniere Naturerlebnis mit etwas Weiterbildung und erfahre so einiges mehr über die leckere Baumfrucht – immer dem Kastaniensymbol folgend. Nun bin ich endgültig mit dem Kastanienfieber infiziert. Der ausgeschilderte 15 Kilometer lange Pfad führt mich durch die Ortschaften Mugena, Vezio, Fescoggia, Breno und Caroggio. Typische Tessiner Dörfer mit ihren architektonischen Besonderheiten. Sie fügen sich zwischen Esskastanienwäldern, Birkenwäldern entlang an Bächen und Wiesen harmonisch ein. An den verschiedenen Aussichtspunkten geniesse ich immer wieder den Blick auf das gesamte Gebiet. Ursprüngliche Natur. So wie ich sie selten gesehen habe.

Die Profis

Der Wind, der durch die Äste zieht, und das knisternde Laub unter meinen Füssen und denen der Profis sind die einzigen Geräusche, die ich höre. Ganz recht: Profis. Man erkennt sie an den Körben und Säcken, die sie mit sich tragen. Mit Stöcken und vorgebeugtem Oberkörper, den Blick auf den Boden gerichtet, durchsuchen sie das Laub. Ich habe mir sagen lassen, dass nicht alle «Igel», die auf dem Boden liegen, erntefähig sind. Alte Früchte erkennt man an ihren feuchten, dunklen Schalen. Ich ernte also nur die frisch gefallenen Kastanien. Den Wanderern ist das Sammeln erlaubt. Aber das war nicht immer so.

Auf Reisen Tessin Valle di Muggio
Foto: Ticino Turismo

Damals

Über Jahrhunderte hinweg galt die Kastanie für das ländlich geprägte Tessin als Grundnahrungsmittel, das die Menschen durch den Winter brachte. Jedem Bewohner wurde ein Baum zugeteilt und nummeriert. Die Früchte, die bis Mitte November herabfielen, standen dem Besitzer zu. Erst danach durften die Kastanien von Wanderern gesammelt werden. Bis zu zwei Mal am Tag kam die Kastanie bis Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Teller. Nach der Ernte im Herbst kann die Kastanie frisch gegessen werden. Wichtig war damals aber, die Kastanie konservieren zu können. Dies erreichte man mit der Errichtung der traditionellen Dörrhäuser. In diesen aus Stein gebauten Gebäuden, auch «Grà» oder «Graa» genannt, lagen hunderte Kilo Maronen. Während dreier Wochen wurden sie über dem Feuer getrocknet. Stämme und Äste dienten als Brennholz. Die Haine mit Kastanienbäumen, früher auch als Brotbaum der Armen bezeichnet, hatten einen hohen Nutzwert. Sie wurden als Baumaterial eingesetzt, getrocknete Blätter wurden als Viehfutter verwendet, das Laub wurde in Bettsäcke gefüllt, die als Matratzen dienten.

Heute

Die typische Rolle der Frucht und des Baumes ging allmählich verloren. Schade um dieses hochwertige Kulturgut, wie ich finde. Der Wiederaufschwung der Kastanie vor rund zwanzig Jahren ist einer privaten Initiative zu verdanken. Grosse Bestände von bis zu tausend Jahre alten Hainen wurden rekultiviert. Inzwischen erfreuen sich die Kastanie und die unzähligen Möglichkeiten ihrer Verarbeitung neuer Wertschätzung. Vor allem in der Tessiner Küche. Von der Vorspeise mit der Marronisuppe über den Hauptgang mit Marroni als Fleischersatz oder den Tessiner Maronen-Risotto bis zum Dessert als süsses Vermicelles, hat die Edelkastanie in den Tessiner Küchen den Siegeszug angetreten.

Zurück

Mit meinem nur leicht gefüllten Rucksack – andere vor mir waren wohl schneller – beende ich meinen Weg wieder am Ausgangsort Arosio. Das Postauto bringt mich zurück nach Lugano. Ich freue mich schon auf meine selber gesammelten «heissi Marroni». Ob sie wohl so gut schmecken werden wie an der Castagnata? Ansonsten trifft man mich wieder nächstes Jahr, im Herbst, in Ascona.

Autorin Felicia Gaehwiler WF19376

Felicia Gähwiler

Autorin

Seit meiner Lehre in der Lebensmittelbranche tätig, begeistert mich Speis und Trank jeden Tag von Neuem.